Wohl die meistgestellte Frage unter Schweizern. In meinem Fall ist dabei ein Punkt besonders ironisch: Als ich mich für den Beruf der Primarlehrerin entschied, empfand ich es als grossen Vorteil, dass dieser keiner grossen Erklärung bedarf. Nun, seit ich 2022 in der Vollzeit-Selbstständigkeit gelandet bin, hat sich das ein wenig verändert…
Lerne ich hier in meiner Wahlheimat im Aargau nun also jemanden kennen, oder treffe in Graubünden auf Altbekannte, die wissen wollen, was ich denn inzwischen mache, läuft das immer so ähnlich:
Und was machst du beruflich?
Ich bin Lehrerin
Danach folgt meist die Frage, wo oder auf welcher Stufe ich unterrichte. Dann muss ich also etwas mehr mit der Sprache herausrücken.
Ich unterrichte aktuell an keiner öffentlichen oder privaten Schule und auch an keinem Heilpädagogischen Zentrum mehr. Ich begleite Homeschooler. Und das sieht immer ein bisschen anders aus.
Begonnen hat es, dass ich im Kanton Zürich und Aargau vor Ort Kinder unterrichtet habe. In Zürich ist dies vorgeschrieben, dass eine Lehrperson den Unterricht führt. Im Aargau dürfen die Eltern die Kinder je nach eigenem Bildungsgrad und je nach Voraussetzungen des Kindes (sonderpädagogischer Bedarf) selbst beschulen. Dann begleitete ich Familien in Bern, die den Unterricht zwar selbst führen dürfen, aber von einer stufennahen Lehrperson angeleitet werden müssen. Und ab und zu gab ich einzelne Beratungen via Zoom, vorzugsweise für Familien im Aargau, die Unterstützung bei der Planung brauchten.
Und wie bin ich dazu gekommen?
Die kurze Variante: Als mein Partner und ich 2022 unsere Wohnung am Walensee und ich meinen Job kündigten und ein Jahr auf Weltreise gingen, befand ich mich noch in der Montessori-Ausbildung der Akademie Biberkor, die an gewissen Wochenenden in Zürich stattfand. So legten wir unsere Reisen so, dass wir an den verbleibenden Wochenenden jeweils auf Zwischenstopp in der Schweiz waren. Dort sprach mich eine Mutter an, ob ich ihre Tochter unterrichten könnte – sie würde mir den üblichen Stundenlohn wie in Zürcher Schulen bezahlen. Also, da ich ohnehin nicht mehr angestellt war, warum nicht? Ich lernte das Mädchen kennen, welches Leistungssport betrieb und während Corona auf den Geschmack der Heimunterrichts kam. Wir gleisten alles auf und kaum war das Weltreisejahr zu Ende, war ich auch bereits ausgebucht. Zwei weitere Familien fanden mich über den Verein Bildung zu Hause, einmal für Homeschooling vor Ort durch mich und einmal als Jahresbegleitung in Bern auf Distanz mit gelegentlichen Treffen im Reallife.
Die etwas längere Variante: Wenn ich nicht schon lange für’s Homeschooling gebrannt hätte, wäre es nie dazu gekommen.
Es war 2012, als ich in einer Buchhandlung in Landquart stand und André Sterns Buch „Und ich war nie in der Schule“ in der Hand hielt. Es folgten der Besuch einer seiner Live-Vorträge und des Kinofilms „Alphabet“. Dann die SRF Dokus „Homeschooling – Lernen ohne Schule“ und „Unschooling – wenn spielen Schule macht“ um das Jahr 2016, in dem ich auch mit meinem heutigen Mann zusammenkam. Seit Beginn unseres Kennenlernens wusste er, dass ich die eigenen Kinder einmal homeschoolen wollte – und er war begeistert, wie es wahrscheinlich jeder leidenschaftliche Lerner mit genügend Introversion wäre. Obwohl er inzwischen selbst in Bildungsbereich arbeitet, war es für ihn völlig neu, dass es Homeschooling auch in der Schweiz bei völlig normalen Leuten gibt und nicht nur bei fanatisch gläubigen Amerikanern, die ihre Kinder von der Evolutionstheorie fernhalten wollen.
Mein Berufswunsch als Kind war bereits Primarlehrerin – nur hatte ich nach der eigenen langen Zeit im Schulsystem nach der Matura erst einmal keine Lust mehr darauf. 40 weitere Jahre in der Schule verbringen? Nein danke, dazu bin ich zu neugierig und wollte mehr von der Welt erfahren als den Alltag in einem eigenen Schulzimmer. So kam es, wie es kommen musste. Damals noch in meiner Heimat in Graubünden wusste ich, dass die gesetzlichen Rahmenbedingen es vorsehen, dass ich selbst Lehrerin sein müsste, um meine Kinder zu homeschoolen. Wieso also nicht doch noch das PH-Studium machen, vor und nach den eigenen Kindern in Schulen unterrichten und dazwischen meinen Traum des Homeschoolings leben? Denn ich hätte als Kind selbst liebend gerne so gelernt. Ich liebte das lernen schon seit jeher, die Schule war auch kein schlechter Ort für mich und doch hatte ich einiges selbst als sehr gute Schülerin schmerzlich in Erinnerung. Nicht zuletzt bekam ich durch meinen Vater und Bruder mit, wie es Menschen darin ergeht, die nicht gut ins Schulsystem passten. Dazu kam, dass mein Mann und ich beide relativ traditionell aufgewachsen sind und hauptsächlich unsere Mütter zu Hause für uns präsent waren, so dass auch wir das für unsere Kinder wollten.
Und dann eben noch der riesige Vorteil in meinen wilden Jugendjahren: Ich hätte endlich einen „anerkannten“ Beruf in dem ich sogar Teilzeit oder mit Unterbrüchen arbeiten könnte und hätte eine einfache Antwort auf die nur allzu oft unangenehme Frage, was ich denn beruflich mache. Tja, so kam es anders, als man denkt.
Plötzlich wohnte ich im Kanton Aargau, an dem ich selbst keine Lehrerin sein musste, um meine Kinder zu unterrichten und begleitete stattdessen andere Menschen beruflich dabei, die dasselbe wollten wie ich.
Wie mein Alltag als Homeschool-Lehrerin aussieht
Kaum hatten wir unser Haus im Aargau gekauft, bestand mein Alltag also darin: vor 06:00 aufstehen, um pünktlich trotz Morgenverkehr bei meinen Kunden zu sein. Am einen Morgen die eine Familie, am anderen Morgen die andere. Einige Stunden mit den Kindern, dann wieder heimfahren, Mittagessen und am Nachmittag zu Hause arbeiten. Pro Familie eine Stunde Vorbereitungszeit je Morgen und danach allgemeines Recherchieren und Einrichten. Ich begann damit, mir eine Lernmaterial-Bibliothek aufzubauen mit Lehrmitteln, Kinderbüchern, Spielen und Weiterem zu allen Themen des Lehrplans über alle Schuljahre. Ich machte Bestellungen, packte aus, las immer und immer wieder im Lehrplan, recherchierte die neusten Lehrmittel und feilte an einer kompakten standardisierten Planung mit diesen. Ich kam zum Schluss, dass dies der schnellste Weg wäre, die Behörden zufrieden zu stellen und die restliche Zeit den Kindern alle Freiheiten geben zu können die sie brauchten, um sich in ihre Interessen zu vertiefe, ihre Fähigkeiten jenseits von schulischen Erwartungen auszubauen und die Welt zu entdecken.
Zwischendurch hatte ich Zoom-Meetings mit meinen Berner Familien oder für Einzelberatungen bzgl. Gesuch und Planung. Und 2x jährlich gab es ein Treffen vor Ort, um den jährlichen Inspektorenbesuch zu begleiten sowie Lehrmittel und alles Weitere auszutauschen.
So viel also dazu, was ich beruflich mache. Noch Fragen? 😉
